freier Monolog.

Leser,

momentan bin ich ja Nutznießer des sog. öffentlichen Personennahverkehrs. Wenn man also in einem Verkehrsmittel genannter Einrichtung in eine Richtung fährt, trifft man – das impliziert ja das Wort öffentlich – immer wieder auf die verschiedensten Leute. Verschieden sind viele in vielen Belangen, es gibt große, kleine, dicke, dünne, hübsche, nicht ganz so hübsche, alles halt. Normalerweise ist es in Fahrzeugen des Nahverkehrs zu jeder Tages- und Nachtzeit voll, beziehungsweise nicht leer, so ist es so, dass man, falls man einen Sitzplatz abbekommt doch meist nicht alleine, sondern neben oder zumindest gegenüber einem anderen Fahrgast sitzt.  Und in dieser intimen Situation des gegenübersitzens erlebt man mitunter die kuriosesten Dinge:

Nun ist ja jedem mittlerweile das Bild geläufig, dass sich bietet, wenn ein Mensch durch die gegend läuft, dem zwei weiße Bänder aus den Ohren wachsen – Volkskrankheit möchte man meinen, genau so, wie die Tatsache, dass die hängenden Ohrspaghetti bisher das einzige Symptom dieser sonst so unauffälligen Krankheit waren. Mittlerweile – und das konnte ich beobachten, scheint es so, dass viele der Leute, die am Auditiven-Pasta-Syndrom (kurz APS) leiden, nun auch beginnende Anzeichen von psychischer Beeinträchtigung haben:

Sie führen Monologe, oder reden mit Gegenständen oder Wänden. Scheinbar – und dort sehe ich bereits die Grenze zum Wahnsinn – kommt es vor, dass Leute sogar Stimmen hören und vermuten, diese kämen aus ebendiesen. Kürzlich konnte ich einen Herren mittleren Alters am Hauptbahnhof dabei beobachten bzw. belauschen, wie er eine schwere Beziehungskrise, beruhend auf einem kleinen Missverständnis mit einer Litfaßssäue austrug. Ich muss sagen, dass ich mich beherrschen musste, mich nicht vom Irrglauben anstecken zu lassen, und beharrlich weiterhin daran zu glauben, dass Klara*, so hieß die Litfaßsäule nämlich, wirklich nicht reden kann. Der Streit war so lebhaft, dass ich von der Schwere der Krankheit beeindruckt war. Meine Beobachtungen haben ferner ergeben, dass Litfaßsäulen sich sehr ähnlich zu eifersüchtigen Frauen verhalten, logischerweise ausblendend, dass es sie selbst sind, die sich Woche für Woche von einem anderen Mann streiche(l)n lassen. Ganz vorurteilsfrei würde ich also behaupten, so sind sie halt, die Frauen – alle gleich. Kurz bevor ich einschreiten konnte, um den Infizierten vor einer weiteren Blamage zu beschützen, beendete Klara das Gespräch beleidigt und sofort woraufhin der traurige Mann mittleren Alters leicht verdattert weiterging.

Eine ähnliche Situation erlebte ich im Bus, als mir gegenüber eine blondierte Teenagerin etwa 13-19 Jahre mich vollkommen unschüchtern auf türkisch ansprach. Benim Icdir keine Ahnung. Auf meinen fragenden Blick reagierte sie nicht weiter beeindruckt, was ich nicht verstehen konnte – ich meine, was muss passieren, damit eine Blondine einen auf Türkisch im Bus anspricht? Blondi* begann, mich nun in einem Kauderwelsch aus Türkisch, Französisch und Deutsch “allachandalla güle güle Bäckerei icdir katesi döner Friseur” vollzutexten. In einer kurzen Atempause wollte ich gerade mit Händen und Füßen zu verstehen geben, dass ich nichts verstehe, da holte sie auch schon Luft und sagte “Und ich dann so leise: küçük bir penisim var” Oder so ähnlisch. Ich, der türkischen Sprache nicht mächtig wusste nun auch nicht mehr, was ich dazu sagen soll und entschloss mich zu schweigen.

Nach einiger Zeit entdeckte ich, dass auch aus ihrem Ohr nonpigmentierte Spaghetti hingen und entschied mich, ihr geschwafel in meinem Mitleid zu ignorieren. Gottseidank stieg die junge Frau aus und ich musste mir keine Gedanken zum Thema Infektionsrisiken etc. machen.

Also Leute, in der Stadt lebt man gefährlich.

Cheers

Finn Ole

PS.: Weiß jemand, wie man die Freisprechfunktion bei Samsung-Handys aktiviert?

*Anm. d. Redakt.: Name geändert.

3 thoughts on “freier Monolog.

  1. Der Finni und sein Schreibstil. Einfach unzertrennlich!

    ……….. “Ich liebe es.” ………..
    Nein, ich bin noch nicht von der Werbung zerstört.. Nur ein wenig.
    Liebe Grüße

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